Eigentlich ist das Leben mit Diabetes doch schon kompliziert genug: Den ganzen Tag über muss ich meinen Blutzucker überwachen. Kohlenhydrate schätzen und die entsprechende Dosis Insulin verabreichen. Ach, wenn es doch mal so einfach wäre – tatsächlich ist da ja noch viel mehr! Über 40 Faktoren sollen den Blutzucker beeinflussen. Nicht nur Kohlenhydrate, sondern auch Fette und Proteine. Körperliche Aktivität, Temperatur, Schlaf, Stress, Allergien, unser Hormonhaushalt… Die Liste ist lang!
All das auch noch auf Reisen balancieren? Kein Wunder, dass viele Menschen mit Diabetes davor zurückschrecken! Schließlich macht der Diabetes leider keine Pause und ist deshalb auch auf Reisen mit im Gepäck.
Und hier wird alles noch viel komplizierter als es im Alltag ohnehin schon ist: Die Zeitverschiebung zerschießt meine Basalraten. Das Klima ist in vielen Fällen deutlich wärmer, manchmal auch deutlich kälter, als ich es gewohnt bin, und beeinflusst so die Insulinsensitivität. Außerdem muss das sensible Insulin vor extremen Temperaturen geschützt werden, damit seine Wirkkraft nicht gemindert wird.
Auch mein Verhalten verändert sich: Oftmals bin ich im Urlaub viel aktiver. Zum Beispiel laufe ich viele Kilometer, während ich eine neue Stadt erkunde. So sind schon viele Unterzuckerungen entstanden. Oder aber das Gegenteil: Ich faulenze auf einer Sonnenliege und brauche plötzlich viel mehr Insulin als im Alltag.
Da wäre auch noch das Essen: Auch in der Heimat kratze ich mich bei manchen Gerichten am Kopf: „Wie viele Kohlenhydrate da wohl drin sind?“. Speisen auf Reisen ist eine ganz neue Herausforderung! Gerichte, die ich noch nie gegessen habe, deren Inhaltsstoffe ich nicht kenne. Wie soll man da denn bitte den Kohlenhydratgehalt erraten?
Und dann die eigentlichen Ängste: Was, wenn etwas passiert? Wenn meine Pumpe kaputt geht? Wenn mein Insulin oder mein Diabetes-Equipment abhanden kommt?
Es gibt viele Gründe, die gegen das Reisen sprechen. Und dennoch: Das Reisen ist meine große Leidenschaft – und der Diabetes hält mich davon nicht ab!
Einige meiner schönsten Erinnerungen sind auf Reisen entstanden: Eine unvergessliche Nacht unter dem Sternenhimmel der bolivianischen Salzwüste. Mein Auslandssemester in Russland. Der frische und teuflisch scharfe Papaya-Salat in Thailand. Die Mountainbike-Tour auf der sogenannten Death Road, die uns auf einer schmalen Schotterpiste von schneebesetzten Bergen auf 4000 Meter Höhe bis tief in den bolivianischen Dschungel führte.
All diese Erlebnisse waren gleichzeitig große Herausforderungen für mich und meinen Diabetes. Aber letzten Endes gab es für alles eine Lösung:

In der Salzwüste war es nachts so kalt, dass ich mein Insulin mit in den Schlafsack nehmen musste. Dort war es einigermaßen sicher und hat mir auch für den Rest der Reise gute Dienste geleistet. Im Wohnheim meiner Uni in Moskau sollte es zunächst keinen Kühlschrank geben. Statt dessen solle man die Fensterbänke benutzen, die seien schließlich kalt genug. Also habe ich mich für das ganze Semester mit Frio-Taschen einge

deckt. Der Papaya-Salat in Thailand ist ein kulinarischer Höhenflug, der auch meinen Blutzucker ordentlich ankurbelt. Ich konnte einfach nicht abschätzen, wie viele Kohlenhydrate in diesem „Salat“ steckten und dementsprechend wollten auch die Boli dafür einfach nicht passen. Bis ich einen Kochkurs machte und selbst genötigt wurde, haufenweise Zucker in die Sauce zu schaufeln. Danach wusste ich Bescheid und war Papaya-Profi! 😉

Auf der Death Road waren Konzentration und Kontinuität gefragt. Die Piste war so schmal, dass ich mir keine Fehler und Aussetzer leisten konnte. Alle 30 Minuten hielt ich deshalb an, überprüfte meinen Blutzucker und fuhr weiter – am Ende hat alles gut geklappt und ich hatte einen fantastischen Tag, den ich nie vergessen werde!

Mich erreichen regelmäßig Fragen zum Thema Reisen mit Diabetes – voller Unsicherheit und Angst. Darum ist es mir so wichtig, bei diesem Thema Mut zu machen!
Meine Diagnose kam im Alter von 18 Jahren. Damals stand ich kurz vor dem Abitur und träumte davon, ein Jahr Freiwilligenarbeit in Vietnam zu machen. Leider ließ ich mir dies von meinem damaligen Diabetologen ausreden. Anstatt mir Mut zu machen, schürte er Ängste.
Doch mittlerweile weiß ich es besser. Nicht nur war ich mittlerweile in Vietnam, sondern ich habe eine wichtige Lektion gelernt: Tolle, abenteuerliche, unvergessliche Reisen sind auch mit Diabetes im Gepäck möglich. Alles, was es braucht, ist eine gründliche Vorbereitung und einen kühlen Kopf (Hilfreiche Tipps zum Thema Reisen mit Diabetes findet ihr hier). Respekt vor Reisen mit Diabetes ist sicherlich angebracht. Doch Angst ist völlig unnötig!
Deshalb mein Appell: Lasst euch hier nicht vom Diabetes einschränken! Seid schlau, bereitet euch gut vor. Aber genießt eure Reise!

Wie sieht es bei euch aus? Welche Rolle spielt der Diabetes auf euren Reisen? Träumt ihr von einem Trip, wagt ihn aber des Diabetes wegen nicht? Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen!




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