1964 wurde erstmals über den Closed Loop geredet. Seit dem wurde geforscht, entwickelt, getestet. Und mittlerweile ist er doch tatsächlich Realität. Zumindest fast! Hybrid Closed Loop Systeme sind auf dem kommerziellen Markt der Diabetestechnik angekommen. Mittlerweile gibt es mehrere Systeme, die miteinander konkurrieren und sich stetig weiter entwickeln. Das ist gut für uns! Ein Ergebnis dieser Weiterentwicklungen ist das neue Medtronic MiniMed 780G System mit dem neuen Guardian 4 CGM-Sensor, welche ich testen durfte. Heute berichte ich von meinen Erfahrungen.
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Erst mal ganz tief Luftholen!
Ich will ganz ehrlich mit euch sein: Wenn ich an meine Testphase mit der Medtronic MiniMed 670G zurückdenke, dann kriege ich ein klein wenig Gänsehaut. Und zwar nicht auf positive Weise! Ich hab mich in meinem damaligen Erfahrungsbericht wirklich bemüht, fair zu sein und die positiven, wie auch die negativen Seiten zu beschreiben. Doch obwohl die 670G wirklich ein echter Meilenstein in der Pumpentherapie war, erinnere ich mich vor allem an die zermürbend vielen Alarme, die mir gerade nachts extrem zu schaffen gemacht haben. In dieser Zeit war ich gestresst und dünnhäutig, mehr als ein mal kamen mir bei den nicht ablassenden Alarmen die Tränen.
All das soll auf kein Fall als Undankbarkeit rüberkommen. Ganz im Gegenteil: Ich weiß es sehr zu schätzen, dass Firmen im Diabetesbereich mir ihre Produkte zu Testzwecken zur Verfügung stellen und ich anschließend offen meine Meinung dazu teilen kann. Aber das Ganze ist oft auch anstrengend. Schließlich ist es meine ganz persönliche Diabetestherapie, die ja einen großen Teil meines Lebens prägt, und die ich für so einen Test immer wieder umstelle. Dementsprechend war ich nicht wirklich scharf auf die Nachfolge-Generationen. Hier und da gab es kleine Veränderungen, die zwar attraktiv erschienen, aber eben nicht attraktiv genug, um wieder alles umzustellen und möglicherweise wieder so viele Alarme auszuhalten. Da blieb ich lieber bei meinem selbstgebauten Loop.
Das hat sich mit der Einführung der Medtronic MiniMed 780G geändert. Zusätzlich zur neuen Pumpe und der dazugehörigen MiniMed Mobile App konnte ich auch den brandneuen Guardian 4 Sensor und die Medtronic Extended Katheter testen. Das Gesamtpaket war so spannend, dass ich es unbedingt auf Herz und Pankreas testen wollte.
Bevor ich nun in die Details des Systems einsteige, möchte ich eine kleine Erinnerung aussprechen: Your diabetes may vary! Das Leben mit Diabetes ist immer subjektiv. Erfahrungen mit Sensoren und Pumpen sind es ebenso. Behaltet das bitte im Hinterkopf, wenn ihr meinen Bericht lest. Manche Dinge treiben mich vielleicht zur Weißglut, die ihr nicht mal bemerkt. Und andersherum fallen mir nicht alle Pros und Contras eines Systems auf, die für euch als Lesende elementar wichtig sind. Abgesehen von meinen Erfahrungen mit der 670G und anderen Hybrid Closed Loop Systemen, nutze ich seit nunmehr fast vier Jahren ein selbstgebautes Loop-System. Man soll nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, aber dennoch kann ich mich nicht komplett davon frei machen, dass ich dieses DIY-System sehr schätze und es den kommerziellen Systemen in einigen Punkten voraus ist. Ich gebe mir trotzdem größte Mühe, so neutral zu sein, wie ein subjektiver Test es eben zulässt! 😉
Was ist ein Closed-Loop-System und wo stehen wir aktuell?
Der Begriff beschreibt eine geschlossene Schleife, ein geschlossenes, sich selbst steuerndes Regelkreissystem zur Regulierung der Glukosewerte. Solche Systeme ermöglichen die automatische Abgabe von Insulin. Auch die Medtronic MiniMed 780G wird lediglich als Hybrid Closed Loop bezeichnet, da sie nur die basale Insulingabe, also den Grundbedarf abdeckt. Kohlenhydrate und Mahlzeitenboli müssen weiterhin manuell eingegeben werden.
Was ist neu an der Medtronic MiniMed 780G?
Neu ist, dass von der 780G nun zusätzlich zur angepassten Basalrate auch Korrekturboli automatisch abgegeben werden. Wenn also der Bolus für eine Mahlzeit nicht ausreicht oder der Blutzucker aus anderen Gründen steigt, dann wird die Pumpe selbstständig aktiv und gibt Insulin ab. Eine weitere Neuerung ist die automatische Übernahme des Sensorwertes bei der Benutzung der BolusExpert-Funktion. Bisher musste hier manuell der aktuelle Blutzuckerwert eingetragen werden.
Eine große und wirklich positive Veränderung ist der neue standardmäßige Zielwert von 100 mg/dl (5.5 mmol/l). Bei der 670G waren es noch 120 mg/dl (6.7 mmol/l), was für meinen persönlichen Geschmack einfach zu hoch war. Da Geschmäcker aber bekanntlich unterschiedlich sind, kann der Zielwert alternativ auch auf 110 mg/dl (6.1 mmol/l) oder 120 mg/dl (6.7 mmol/l) eingestellt werden.
Zum Glück unverändert: Süße Sticker zum Verzieren auch für die MiniMed 780G!
Seit vielen Jahren nun bleibt das äußere Pumpengehäuse weitgehend baugleich. Das enttäuscht sicherlich diejenigen, die sich an der Größe und Form, sowie an den häufigen Gehäuserissen stören. Aber es hat auch etwas Gutes: Meine Sticker passen weiterhin PERFEKT! Wenn ihr eure Pumpe auch dekorieren möchtet, dann schaut euch hier im Shop um. 🙂 Nun aber zur Pumpe selbst!
Bestandteile des Systems
- Insulinpumpe Medtronic MiniMed 780G
- Medtronic Advanced Reservoire & Infusionssets (auch die herkömmlichen Sets passen weiterhin)
- Glukosesensor & Transmitter des Medtronic Guardian 4 CGMS
- Blutzuckermessgerät Accu-Chek Guide Link
- Medtronic Carelink Therapiesoftware für Analysen & Datentransfer
- Medtronic MiniMed Mobile Smartphone App
Der neue Medtronic Guardian 4 CGM Sensor
Beim CGM, mit dessen Daten das Pumpensystem operiert, hat sich so einiges getan! CGM steht für Continuous Glucose Monitoring, also die kontinuierliche Glukosemessung. Der Sensor misst alle fünf Minuten den Gewebezucker, sendet diesen an die Pumpe und gibt im Fall von Hypo- oder Hyperglykämien Alarme ab.
Der Guardian 4 ist eine echte Weiterentwicklung des Guardian 3, denn er muss nicht mehr kalibriert werden. Hallelujah! Im Vergleich zum Guardian 3 fallen somit rund fünf blutige Messungen pro Tag weg. Ich muss wohl niemandem erklären, was für ein riesiges Plus das in Punkto Lebensqualität bedeutet.
Es ist weiterhin möglich, den Sensor zu kalibrieren, falls er doch einmal ungenau misst. Das System kann hier und da einen blutigen Messerwert verlangen, aber eben nicht routinemäßig. Der Sensor ist genauer und endlich verlässlich genug für das System. (Exkurs: Ich war ohnehin immer der Meinung, dass die zwangvolle ständige Kalibrierung die Sensoren bei vielen Menschen eher ungenauer gemacht hat, da hier viele Fehler passieren.) Somit wird der CGM-Wert nun auch automatisch in den Bolusrechner importiert und dort als Basis für Bolus-Berechnungen verwendet. Zuvor musste hier manuell ein Blutzuckerwert eingetragen werden.
Statt wie bisher mit dem Contour Next, verträgt sich die 780G besonders gut mit dem Accu-Chek Guide Link. Dieses sendet die Messwerte direkt an die Pumpe. Das klappt wunderbar und ist zum Glück auch einfach nicht mehr so häufig nötig.
Meine Erfahrungen mit dem Guardian 4
Wie auch die Pumpe selbst, so sieht der neue Sensor baugleich aus wie sein Vorgänger. Transmitter, Sensor, Applikator, Tapes – alles wie gewohnt…. und wie immer schon für nicht so richtig optimal befunden. Sorry, aber im Vergleich zu anderen Sensorapplikationen
Weiterhin gilt: Wer eine Medtronic Pumpe mit all ihren Vorzügen nutzen will, kommt um den Guardian nicht herum. Die Pumpen sind eben nicht mit anderen Sensoren kompatibel. Klar, die vierte Generation des Guardian ist ein riesiger Schritt in die richtige Richtung. Wirklich! Aber Spoiler Alert: Es geht eben besser oder eben einfach nur anders. Ich wünschte mir so sehr, mehr Akteure aus der Diabetestechnik würden auf unsere Schreie nach Interoperabilität hören. Wer mit dem Guardian 4 nicht zurecht kommt, wird wohl niemals mehr mit einer Medtronic-Pumpe glücklich. Das ist Mist!
Wie auch bei der 670G ist daher meine Empfehlung: Schaut irgendwie, ob ihr den Guardian 4 testen könnt, bevor ihr euch final für die Pumpe entscheidet.
Die Pumpe und der Algorithmus
In der Pumpe steckt die eigentliche Magie des Systems: Der Algorithmus. Ein Algorithmus ist im Prinzip ein Rechenvorgang oder Problemlösungsvorgang nach einem bestimmten Schema. So werden in vielen einzelnen Schritten Eingabedaten in Ausgabedaten umgewandelt. Algorithmen begegnen uns heutzutage in allen Lebenslagen und somit auch im Diabetes-Management: Der Algorithmus hinter dem Auto-Modus der Medtronic MiniMed 670G analysiert unsere Glukosedaten und entscheidet daraufhin selbst, ob und wie viel Insulin wir benötigen. Genial!


