Erfahrungsberichte

Medtronic MiniMed 670G: Erfahrungsbericht

Medtronic Minimed 670G Erfahrungsbericht

Der Traum vom Closed Loop steht schon seit 1964 im Raum. Den Blutzucker von Menschen mit Diabetes vollautomatisch über ein Gerät steuern – so die Vision. Seit 1979 wird aktiv daran gearbeitet. Als ich vor 10 Jahren die Diagnose bekam, erfuhr ich direkt davon, dass der Loop „in der Mache“ und bald Realität sei. Doch wann? Lange Zeit war dieser Durchbruch „zum Greifen nah“. Und eben doch so fern. Doch nun ist es wirklich so weit. Mit der Medtronic MiniMed 670G ist das erste Hybrid-Closed-Loop System auf dem deutschen Markt angekommen. Damit ist ein lang ersehnter Traum Realität geworden. Seit drei Monaten darf ich das System testen und meine eigenen Erfahrungen sammeln, von denen ich euch berichten möchte.

Zunächst noch ein wenig Hintergrundinfo:

Was ist ein Closed-Loop-System überhaupt? Der Begriff beschreibt eine geschlossene Schleife, ein geschlossenes, sich selbst steuerndes Regelkreissystem zur Regulierung der Glukosewerte. Solche Systeme ermöglichen die automatische Abgabe von Insulin. Die Medtronic MiniMed 670G wird als Hybrid bezeichnet, da sie lediglich die basale Insulingabe, also den Grundbedarf abdeckt. Kohlenhydrate und Mahlzeitenboli müssen weiterhin manuell eingegeben werden.

Aber warum hat die Entwicklung und Markteinführung so lange gedauert? Der Grund dafür ist längst nicht mehr die technische Machbarkeit, sondern das mit der automatisierten Insulinabgabe verbundene Risiko: Eine Überdosierung von Insulin kann tödlich enden. Kein Wunder, dass der Zulassung und Markteinführung große Regulationshürden gegenüber standen. Dennoch nahm die Ungeduld irgendwann überhand: In der Diabetes Community wurden unter dem Motto #WeAreNotWaiting die ersten eigenen Systeme, sogenannte DIY (Do It Yourself) Closed-Loop-Systeme, gebaut. Diese sind nicht offiziell zugelassen. Es übernimmt also keine Firma Gewährleistung, die Verantwortung tragen die Nutzer*innen ganz allein.

Meine Perspektive

Für diesen Erfahrungsbericht ist es wichtig zu wissen, dass auch ich bereits 2018 den Schritt zum DIY Loop gewagt habe (über eine selbstgebaute App auf meinem iPhone). Seit dem kann ich die Vorzüge dieser Technologie genießen und bin weiterhin davon begeistert. Doch so toll das DIY Loopen für mich ist, die Idealvorstellung sieht anders aus. Eine selbstgebaute App, eine uralte Pumpe, deren Garantie längst ausgelaufen ist, ein System, für das niemand außer mir Rechenschaft ablegt? Eigentlich möchte ist eine solche Verantwortung nicht alleine tragen. Ein offiziell zugelassenes System mit Garantie und Rechtssicherheit wäre mir deutlich lieber. Deshalb habe ich mich umso mehr über die Gelegenheit gefreut, die neue Medtronic MiniMed 670G zu testen. Medtronic stellte mir und knapp weiteren 40 Blogger*innen das gesamte System zur Verfügung. Begleitet wurde der Prozess mit einer gründlichen Schulung und einem Event in der Firmenzentrale in Meerbusch.

Ihr kennt mich: Als ich das gute Stück endlich in der Hand hatte, wollte es natürlich sofort mit einem schönen Sticker verziert werden. Denn die 670G ist äußerlich baugleich wie die 640G und somit passen meine Aufkleber weiterhin perfekt. Wenn ihr eure Pumpe auch dekorieren möchtet, dann schaut euch hier im Shop um. 🙂 Nun aber zur Pumpe selbst!

Medtronic Minimed 670G Sticker

Was verspricht die Medtronic MiniMed 670G?

Ein paar Zahlen von Medtronic: Mehr als 55.000 Patient*innen nutzten das System im Alltag und haben damit ihre Zeit im Zielbereich von 63,0% auf 73,3% erhöht. Die Zeit im hyper- bzw. hypoglykämischen Bereich wurde von 33,6% auf 24,3% (>180 mg/dl) bzw. von 3,7% auf 2,4% (<70 mg/dl) reduziert.

Klappt das denn auch wirklich so gut?

Jap. Das klappt. Im Praxistest habe ich 93% der Zeit im Auto-Modus verbracht. Das Resultat war 77% Zeit im Zielbereich. Schöne Zahlen, mit denen man meiner Meinung nach sehr zufrieden sein kann. ABER: In den Bereichen Lebensqualität und Funktionalität hat das System in meinen Augen einige Mankos, die ich im Folgenden ausführlich beschreibe.

Was macht das System denn nun so besonders? Was ist der Unterschied zwischen der Medtronic MiniMed 670G und 640G?

Auch wenn viele von uns in unserer Diabeteskarriere viel Zeit und Energie mit Basalratentests auf der Suche nach der „perfekten Basalrate“ verbracht haben, ändert sich unser eigentlicher Insulinbedarf tatsächlich jeden Tag und jede Nacht. Ihr wisst es selbst sicher nur zu gut: Kein Tag ist wie der andere und daher kann keine Basalrate dieser Welt wirklich perfekt passen. Ich für mich kann das definitiv bestätigen: An manchen Tagen reicht meine klassische Basalrate hinten und vorne nicht. An anderen Tagen reißt mich mein Normalbedarf in tiefe Hypos.

Genau hier war bereits die Medtronic MiniMed 640G ein Meilenstein, weil sie solche Hypos mit der SmartGuard Unterbrechungsfunktion verhindern konnte. So unterbricht sie die Basalabgabe bei bzw. vor niedrigen Werten und setzt sie erst dann wieder automatisch fort, wenn die Sensorglukosewerte wieder im Normalbereich sind.

Medtronic Minimed 670G Erfahrungsbericht
Quelle: Medtronic

Der Quantensprung der 670G

Die 670G geht aber einen deutlichen Schritt weiter. Sie verfügt über den Auto-Modus, der eine automatische adaptive Abgabe des Basalinsulins ermöglicht. Basierend auf Sensorglukosewerten wird so alle fünf Minuten der Bedarf errechnet und die Basalabgabe dynamisch angepasst. Dabei wird also nicht wie bisher nur weniger Insulin abgegeben, als in der vorprogrammierten Basalrate, sondern durchaus auch mal mehr Insulin. Und das ganz automatisch. Boom! So können viele Schwankungen, insbesondere Unterzuckerungen, vermieden werden. Gerade im Schlaf, der meist mahlzeitenunabhängig ist, kann der Auto-Modus so den Basalbedarf akkurat abdecken.

Es gibt einige Voraussetzungen dafür, dass die 670G im Auto-Modus läuft. Sind diese nicht gegeben, gibt die 670G eine fixe Basalrate „Basal sicher“ ab. Diese wird auf Basis der Werte der vergangenen sechs Tage errechnet. Es ist aber auch möglich, den Auto-Modus gezielt zu verlassen und die Pumpe im manuellen Modus zu nutzen. Dies entspricht den Funktionen der bisherigen 640G inklusive der SmartGuard Unterbrechungsfunktion.

Obwohl die 670G im Vergleich zur 640G mit dem Auto-Modus also eine wirklich entscheidende Funktion hinzugewonnen hat, sind allerdings auch einige grundlegende Funktionen verloren gegangen. Zum Beispiel die temporäre Basalrate und der Duale Bolus. Wie sich das in der Nutzung äußert, beschreibe ich weiter unten.

Wie funktioniert das Ganze?

Welche Bestandteile gehören zum Medtronic MiniMed 670G System?

  • Insulinpumpe Medtronic MiniMed 670G + passendes Infusionsset
  • Glukosesensor & Transmitter des Medtronic Guardian 3 CGMS
  • Blutzuckermessgerät Ascensia Contour Next Link 2.4 (sendet Werte direkt an die Pumpe)
  • Medtronic Carelink Therapiesoftware für Analysen & Datentransfer
Medtronic MiniMed 670G Erfahrungsbericht

Der Medtronic Guardian 3 CGM Sensor

Das System basiert auf den Glukosewerten des Guardian 3 CGM Sensor. CGM steht für Continuous Glucose Monitoring, also die kontinuierliche Glukosemessung. Der Sensor misst alle fünf Minuten den Gewebezucker, sendet diesen an die Pumpe und gibt im Fall von Hypo- oder Hyperglykämien Alarme ab.

Der Guardian 3 möchte sehr regelmäßig mit blutigen Werten versorgt werden: Kalibrierungen sind nach dem ersten Tag mindestens alle 12 Stunden notwendig. Manchmal häufiger. Darüber hinaus kann das System noch nach weiteren Blutzuckermessungen verlangen. Diese werden dann aber nicht zur Kalibrierung sondern nur zur Absicherung der Berechnung verwendet werden. Insgesamt muss mit rund fünf blutigen Messungen pro Tag gerechnet werden.

Medtronic_Guardian_3_CGMS

Das Contour Next Gerät eignet sich besonders gut für die blutigen Messungen. Denn die Werte werden direkt an die Pumpe geschickt und müssen dann nur noch per Knopfdruck bestätigt werden. Sehr praktisch!

Mit dem Guardian macht jede*r ganz unterschiedliche Erfahrungen. Ich persönlich kann mich auf die Werte in der Regel verlassen. Doch ab und zu kommt es zu sehr deutlichen Abweichungen (bis zu 100 mg/dl), die mich sehr verunsichert haben. Darüber hinaus werden mir Glukosewerte oft zu niedrig angezeigt. Durch den DIY Loop habe ich mich daran gewöhnt, Werte von 80-90 mg/dl entspannt zu sehen. Der Guardian macht daraus gerne Werte unter 80 mg/dl und schlägt Alarm, obwohl alles in Ordnung ist. Kombiniert mit regelmäßigen Verbindungsproblemen hat dies bei mir zu einer Alarminflation geführt. Das nervt und hat mich dazu verleitet, Alarme nicht mehr ernst zu nehmen. Hinzu kamen immer wieder Problemchen, wie mysteriöse Sensor-Aktualisierungen oder Totalausfälle – natürlich gepaart mit zusätzlichen Alarmen.

Beim Setzen blutet der Sensor gerne mal. Macht aber nix, solange das Pflaster irgendwie hält. Denn die Klebefläche ist recht klein. Außerdem neige ich zu kleineren Allergien und Bläschen durch das Pflaster – vor allem an den Rändern.

Medtronic_Guardian_CGMS_Blut_Allergie

Mein Lieblings-Sensor ist der Guardian insgesamt also nicht, aber in der Regel funktioniert er gut genug. In den ersten Wochen habe ich parallel noch meinen Dexcom G6 getragen. Nach einiger Zeit habe ich mich aber auf den Guardian verlassen.

Eines ist klar: Wer die 670G im Auto-Modus nutzen will, kommt um den Guardian nicht herum. Leider ist die Pumpe nicht mit anderen CGM-Sensoren kompatibel, was ich sehr schade finde. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich ein Test des Guardian lohnt, bevor man auf das gesamte System wechselt. Denn wer mit dem Guardian nicht zurecht kommt, wird möglicherweise auch Probleme mit der 670G haben.

Medtronic Guardian 3

Die Pumpe und der Algorithmus

In der Pumpe steckt die eigentliche Magie des Systems: Der Algorithmus. Ein Algorithmus ist im Prinzip ein Rechenvorgang oder Problemlösungsvorgang nach einem bestimmten Schema. So werden in vielen einzelnen Schritten Eingabedaten in Ausgabedaten umgewandelt. Algorithmen begegnen uns heutzutage in allen Lebenslagen und somit auch im Diabetes-Management: Der Algorithmus hinter dem Auto-Modus der Medtronic MiniMed 670G analysiert unsere Glukosedaten und entscheidet daraufhin selbst, ob und wie viel Insulin wir benötigen. Genial!

Bevor es mit dem Auto-Modus los gehen konnte, muss die 670G mindestens 48 Stunden im manuellen Modus laufen. Mir wurde von Medtronic geraten, optimalerweise eine Woche im manuellen Modus zu verbringen, bevor ich den Auto-Modus aktiviere. In dieser Zeit kann der Algorithmus Daten sammeln und dann darauf basierend arbeiten. Hier wird oft von einem lernenden Algorithmus gesprochen. Wichtig ist allerdings zu wissen, dass dieser nicht unendlich weiter lernt, sondern sich immer nur die Daten der vergangenen sechs Tage (mit besonderem Fokus auf die letzten drei Tage) anschaut. Die Lernfähigkeit ist also begrenzt, weshalb ich den Begriff des lernenden Algorithmus etwas irreführend finde. Das System wird nicht etwa mit der Zeit schlauer oder passt sich nach und nach besser meinem Körper an. Statt dessen sehe ich hier eher ein fixes Analyse- und Aktionsschema. Das einzige, was sich ändert, sind die gelieferten Daten.

Was ich an den aktuellen technischen Neuerungen spannend finde: Es geht nicht mehr darum, welche Pumpe, also welche Hardware die Beste ist. Sondern darum, welcher Algorithmus am ausgefeiltesten ist. Und hier mischt Medtronic natürlich ganz vorne mit.

Die Grundlagen, Einstellungen und die Tücken des Systems

Zwar ist die 670G mit dem Auto-Modus eindeutig fortgeschrittener als das Vorgängermodell 640G, jedoch gibt es auch einige Änderungen, die sich wie Rückschritte anfühlen: Temporäre Basalraten, selbstbestimmte Zielwerte und Korrekturboli, sowie der Multi-Wave-Bolus gehören der Vergangenheit an.

Der generelle Zielwert der 670G ist fix auf 120 mg/dl eingestellt und kann nur temporär auf 150 mg/dl (z.B. für Sport) erhöht werden. Andere Einstellungen sind grundsätzlich nicht möglich. Wem die 120 mg/dl also zu hoch sind, der*die kommt hier nicht weit. Schwangerschaften sind zwar keine Kontraindikation, das System DARF also in der Zeit auch genutzt werden. Doch in der Regel wären die damit erzielten Werte deutlich über dem Zielbereich, der für Schwangerschaften vorgeschlagen wird.

Adieu, temporäre Basalrate!

Die automatische Basalberechnung führt dazu, dass es bei der 670G keine temporäre Basalrate mehr gibt. Wenn ich also z.B. Sport machen möchte, kann ich einzig den Zielwert temporär auf 150 mg/dl setzen.

Mir persönlich hat diese Funktion extrem gefehlt: 42 verschiedene Faktoren und unzählige Lebenssituationen beeinflussen den Blutzucker. Ich selbst habe in den vergangenen Monaten viel getestet und nutze temporäre Basalraten sehr intensiv. Zum Beispiel für Sport, Alkohol, Konferenzen, Stress, Abenteuerreisen und Reisewege. Gerade bei längeren Zug- und Flugreisen habe ich einen extrem hohen Insulinbedarf von 130%. #isso. Doch leider kann ich dies der 670G weder über eine temporäre Änderung mitteilen, noch kommt sie über den Auto-Modus von alleine mit. Denn die maximale Basalabgabe im Automodus ist begrenzt – diese Einstellung wird auf Basis der Daten der vergangenen sechs Tage berechnet und kann von mir nicht beeinflusst werden. Während meiner Testphase standen viele Zugreisen an und ich konnte beobachten, wie die 670G an diesem Punkt versagt hat. Und das obwohl die Lösung so simpel gewesen wäre: Die gute alte temporäre Basalrate.

Mit diesem Problem bin ich definitiv nicht allein. Viele Menschen mit Diabetes brauchen z.B. in Zeiten von Krankheiten oder bei Einnahme von Kortison deutlich mehr Insulin als sonst. Der Rat, den ich von Medtronic bekam, war der Wechsel zurück in den manuellen Modus. Sollte der Bedarf über mehrere Tage hinweg so erhöht sein, könnte man auf diesen Daten basierend vielleicht auch wieder in den Auto-Modus wechseln, der diesen Bedarf dann ja erkennen müsste. Dies ist zwar eine Lösung, aber richtig zufriedenstellend finde ich diese nicht.

Hinzu kommt: Wenn der Auto-Modus 4 Stunden lang das Basal auf die maximale bzw. 2,5 Stunden auf die minimale Abgabe geschraubt hat, verlangt das System eine Blutzuckermessung, bevor der Auto-Modus fortgesetzt werden kann. In meinem Fall kam es regelmäßig vor, dass die Basalabgabe über mehrere Stunden am Maximum war – besonders in den Momenten, in denen ich gerne eine temporäre Basalrate oder auch einen Multi-Wave-Bolus (dazu unten mehr) eingestellt hätte.

Ebenso ist es doch toll, wenn der Auto-Modus (ähnlich wie zuvor SmartGuard bei der 640G) mich mit der Minimalabgabe vor einer Unterzuckerung bewahrt. Warum wirft er mich nach 2,5 Stunden aus dem Auto-Modus raus, wenn mein Glukosewert doch genau danach verlangt hat? Für mich sind so extreme Schwankungen im Basalbedarf Realität und Normalität, die ich auch beim DIY Loop beobachte. In meinen Augen ist der Auto-Modus genau für diese Anpassungen da – er macht einfach nur seinen Job. Die dazugehörigen Alarme haben mich daher extrem gestört, zumal sie mit Vorliebe nachts aufgetreten sind.

Adieu, eigener Zielwert und Korrekturbolus! Hallo, „Fake Carbs“!

Eine wichtige Info ist außerdem, dass der Auto-Modus stets auf den Zielwert 150 mg/dl korrigiert. Es ist weder möglich, den Zielwert anzupassen (obwohl ich persönlich immer ganze 50 mg/dl tiefer ansetzen würde), noch den vorgeschlagenen Korrekturbolus zu verändern. Dies sind natürlich klassische Entscheidungen zu Gunsten der Sicherheit, was ich durchaus verstehen kann.

Allerdings kommt es hierbei immer wieder zu Problemen. Sobald mein Blutzucker in höheren Sphären schwebte, hatte ich große Schwierigkeiten, wieder in den Normalbereich zu kommen. Die Korrekturen saßen einfach nicht. Die Insulinsensitivität bzw. der Korrekturfaktor wird vom System selbst berechnet (während die KH-Faktoren selbst eingestellt werden müssen). Ob die Pumpe bei hohen Werten eine gewisse Insulinresistenz einberechnet (die bei mir de facto nun mal auftritt), weiß ich nicht. Die Konsequenzen waren jedenfalls sehr konservative und oft wirkungslose Korrekturboli. Und somit eine höhere Zeit über dem Zielbereich, als ich es gewohnt bin.

Hier kommt das Phänomen der „Fake Carbs“ ins Spiel. Ich hatte im Vorfeld davon gehört, dass Menschen ihre 670G „anlügen“, um mehr Insulin abgeben zu können. „Wie bescheuert kann man denn sein?“, dachte ich damals. Auch bei der Produkteinführung und bei einem Event mit Medtronic wurden wir davor gewarnt. Alles klar – Finger davon lassen! Und dennoch hat es keine zwei Wochen gedauert, bis auch ich an dem Punkt angelangt war, an dem ich meine Pumpe belogen habe. Ich wusste intuitiv, dass der vorgeschlagene Korrekturbolus nicht ausreichen würde. Also habe ich hier und da ein paar Kohlenhydrate zu viel eingegeben, um mehr Insulin abgeben zu können. Ich weiß – das klingt bescheuert. Hat aber funktioniert.

Über dieses Thema haben wir vor Ort bei Medtronic leidenschaftlich diskutiert. Der Lösungsvorschlag zum Problem „Ich komme von meinen hohen Werten nicht herunter“ hat mich aber mehr als irritiert: Wir sollten die in der Pumpe eingestellte Wirkdauer des Insulins überprüfen und gegebenenfalls deutlich verkürzen, etwa auf 2 bis 2,5 Stunden. Ja – so würde ich dem Algorithmus ermöglichen, mehr Insulin abzugeben, ohne dass ich Fake Carbs nutzen muss. So weit komme ich mit. Aber bei der Wirkdauer des Insulins hört es bei mir einfach auf.

Ich weiß, dass dieses Thema in der Online Community ohnehin immer wieder für leidenschaftliche Diskussionen sorgt. Aber ich sehe das extrem simpel: Die Wirkdauer von Insulin ist Sache der Pharmakologie und lässt sich schwarz auf weiß von Beipackzetteln ablesen. Natürlich gibt es immer wieder Abweichungen – jeder Mensch und jeder Diabetes ist anders. Aber wer eine deutliche kürzere Wirkdauer in der Pumpe einstellt, programmiert gleichzeitig ein beträchtliches Risiko für mögliche Überlappungen und Hypoglykämien ein. Diese Diskussion hat mich extrem verunsichert.

Die Workarounds mit Fake Carbs oder einer Fake Wirkdauer mögen zwar funktionieren. Aber es kann nicht Sinn der Sache sein, ein so fortgeschrittenes System mit falschen Daten anzulügen – zumal man Gefahr läuft, den Algorithmus damit komplett zu verwirren und sich somit ins eigene Fleisch zu schneiden. Sehr viel sinnvoller wäre es in meinen Augen, Nutzer*innen die Möglichkeit zu geben, den vorgeschlagenen Korrekturbolus zu verändern. An der Stelle könnte zur Absicherung zum Beispiel eine deutliche Warnmeldung erscheinen, dass dies gegen Empfehlung des Algorithmus getan wird. Hey FDA – wäre das ein Kompromiss? Ich glaube, dass eine solche Funktion den Patient*innen durchaus zuzutrauen ist.

Adieu, Dualer Bolus! Adieu, Pizza??? (Niemals!!!)

Neben der temporären Basalrate gehört außerdem auch der Duale Bolus / Multi-Wave-Bolus der Vergangenheit an. Damit ist das Aufsplitten und somit die zeitlich versetzte Abgabe eines Bolus gemeint – eine von vielen Pumpen-Nutzer*innen heiß geliebte Funktion, klassischerweise um das wunderbare Kohlenhydrat-Fett-Ungestüm Pizza zu bezwingen. Nun, diese Funktion hat die 670G nicht. Die Logik dahinter: Der Algorithmus sollte das schaffen. Die Realität: Nein, tut er aufgrund seiner Begrenzungen nicht. Der Rat von Medtronic war daher, die Eingabe der Kohlenhydrate aufzuteilen und sich dafür gegebenenfalls eine Erinnerung einzustellen.

Medtronic_Minimed_670G_Erfahrungsbericht_Pizza_Dualer_Bolus

Ich mag zur Dramatik neigen, aber: Ich nutze das modernste Pumpensystem der Welt und muss mir einen Wecker stellen, um Pizza essen zu können? Mamma Mia! Es sind die kleinen Dinge – für mich oft die fett- und kohlenhydrathaltigen – die das Leben lebenswert machen. 😉 In diesem Punkt ist die 670G für mich leider ein Rückschritt, was Handhabung und vor allem Lebensqualität angeht.

Und damit landen wir bei dem für mich persönlich wichtigsten Thema in puncto Diabetestherapie: Lebensqualität!

Zahlen und Ergebnisse VS. Lebensqualität

Klinische Ergebnisse, wie auch meine 77% im Zielbereich, sind das eine. Sie sind wichtig, keine Frage. Es geht um unseren Körper, von dem wir nun mal nur einen haben. Unsere Gesundheit, die wir bestmöglich erhalten wollen. Diese Ergebnisse können wir faktisch messen und vergleichbar machen.

Das andere ist aber die Lebensqualität der Menschen mit Diabetes, die Technologien nutzen und in ihr alltägliches Leben integrieren können / wollen / müssen. Diabetes ist halt scheiße – Technologie soll es uns leichter machen. Mein Wunschtraum für Diabetes-Technologie: Ich möchte mich unterstützt fühlen, mich möglichst wenig selbst um den Diabetes kümmern, möglichst wenig Zeit und Energie dafür aufbringen und möglichst wenig an meinen Diabetes erinnert werden.

Davon sind wir natürlich weit entfernt, aber ein Closed-Loop-System KANN ein großer Schritt in diese Richtung sein. Doch obwohl die Medtronic MiniMed 670G auf der klinischen Seite so überzeugt, sammelt sie in Sachen Lebensqualität bei mir insgesamt leider Minuspunkte.

Praktisch: Alles am Mann*an der Frau!

Für die Lebensqualität ist zwar positiv zu nennen, dass Pumpe und Sensor eben ein eingespieltes Team sind, ich alles an meinem Körper tragen kann. Es sind keine weiteren Geräte notwendig. Im Vergleich dazu muss ich beim DIY iOS Loop stets mein iPhone, sowie ein kleines Zusatzgerät namens RileyLink bei mir tragen. Im Alltag stört mich das eigentlich überhaupt nicht. Aber dennoch habe ich dieses plötzliche Gefühl von Freiheit bei der 670G sehr genossen.

Doch dadurch, dass die Bedienung nur direkt über die Pumpe selbst (und nicht etwa über ein Smartphone) möglich ist, musste ich die Pumpe extrem oft in die Hand nehmen. Ich persönlich trage meine DIY-Loop-Pumpe normalerweise am BH, bei Kleidern und Röcken manchmal auch in eingenähten Taschen in der Unterhose. Wenn man regelmäßig dort hinlangen muss, ist das extrem unpraktisch! 😉 Doch da das System geschlossen ist und mit keinen anderen Geräten kommuniziert, kann ich meinen Glukosewert einzig von der direkt Pumpe ablesen. Schade, denn die Verbindung zum Smartphone und zur Smartwatch (wenn nicht zur Bedienung, dann wenigstens zum Ablesen des aktuellen Wertes) fehlt mir sehr.

Nervig: Alarmterror!

Dazu kommen die vielen Alarme und Meldungen, für die ich das Gerät auch jedes Mal herauskramen muss: Da wären zum einen die rund 5 blutigen Messungen, die täglich nötig sind, um im Auto-Modus zu bleiben. Zum anderen die vielen verschiedenen Alarme des Guardian 3 CGMS, allen voran Hypos, die keine waren. Obendrauf die Warnungen, die mich am meisten störten: „Max. Abgabe im Auto-Modus“ und „Min. Abgabe im Auto-Modus“. Die schlaue Pumpe macht einfach nur ihren Job – und plötzlich alarmiert und streikt sie genau deswegen. In der Praxis kam ich addiert auf 10 bis 15 Alarme pro Tag.

Medtronic Guardian CGMS Alarms
Eine kleine Auswahl der vielseitigen Alarme des Guardian 3

Ich habe all dies als einen regelrechten Alarmterror wahrgenommen. Fakt aus dem ersten Monat mit der Pumpe: In 25 von 30 Nächten hatte ich mindestens einen Alarm von der 670G. Meine Schlafqualität war so schlecht wie noch nie. Hierbei geht es nicht etwa um die Prinzessin auf der Erbse: Schlafqualität ist wichtig! Es ist ein Teufelskreis: Schlechter Schlaf führt oft zu schlechten Blutzuckerwerten, macht unproduktiv und sorgt übrigens auch für miese Laune.

Mein gesamtes Umfeld, mein Freund, wie auch meine Arbeitskolleg*innen können diesen Teil des Tests auf jeden Fall bestätigen: Es ging mir einfach nicht gut und ich war dauergenervt von meiner Pumpe. Ich will ehrlich sein: Es fällt mir schwer, ein Gerät zu schätzen, das so fortgeschritten und intelligent ist und tolle Ergebnisse für meinen Körper erzielt, wenn es meinen Geist so strapaziert.

Tipps für die Anwendung der Medtronic MiniMed 670G

Das System braucht korrekte Informationen und … Vertrauen!

Der Schritt zum Closed Loop beinhaltet große Risiken: Es wird eigenständig Insulin abgegeben und zwar auf Grundlage von Daten. Daher ist es elementar wichtig, für eine gute Datenlage zu sorgen. Es sollte brav kalibriert und das System mit zusätzlichen Blutzuckermessungen versorgt werden. Auch die oben beschriebenen Workarounds (Fake Carbs und Fake Wirkdauer) sind meiner Einschätzung nach Fehlinformationen, die für den Algorithmus nicht unbedingt förderlich sind.

Man sollte also auf das System hören – und ihm vertrauen! Mir persönlich fiel das nicht ganz so leicht. Ich hatte das Gefühl, dass ich wenig darüber weiß, was die Pumpe gerade macht. Bei der Anzeige des aktiv wirksamen Insulins wird beispielsweise nur das Bolus-Insulin angezeigt. Ich sehe also nicht, wie viel Insulin über den Auto-Modus als Basalinsulin aktiv ist – eine wichtige Info, die mir fehlt. Transparenz schafft Vertrauen – mir fällt es leichter, mich auf ein System einzulassen, das ich nachvollziehen kann.

Letzten Endes beweisen aber an dieser Stelle die Ergebnisse, dass das System grundlegend funktioniert und man sich darauf verlassen kann. Wichtig ist in meinen Augen, dass man sich (auch bei all der Kritik, die hier zu lesen ist) auf das System einlässt und ihm eine Chance gibt. 🙂

Kohlenhydrate, Low Carb & FPE mit der Medtronic MiniMed 670G

Da das System ein Hybrid-Closed-Loop ist, regelt es nur die Basalabgabe. Kohlenhydrate müssen daher weiterhin manuell eingegeben und entsprechende Boli dafür abgegeben werden. Die Eingabe von BE und KE gehört hier übrigens der Vergangenheit an: Die 670G zählt nur noch Kohlenhydrate. Ich persönlich finde diese Vereinheitlichung für die Handhabung ohnehin am einfachsten. Nach Aussage von Medtronic sollte der Algorithmus dazu in der Lage sein, den Insulinbedarf durch Low Carb Mahlzeiten und FPE selbstständig abzudecken, ohne dass man selbst umgerechnete Kohlenhydrate eingeben oder Boli abgeben muss. Ich selbst habe damit allerdings keine Erfahrung (Stichwort Pizza! ;-)).

Kohlenhydrate, die zur Behandlung von Hypos gegessen wurden, sollen nach Aussage von Medtronic zwar nicht über den Bolusrechner (sonst würde dafür ein Bolus vorgeschlagen). Dennoch sollen sie über den Ereignismarker eingegeben werden, damit die Information für den Algorithmus nicht verloren geht.

Sport mit der Medtronic MiniMed 670G

Sport mit der 670G war für mich nicht ganz so einfach wie erhofft. Man kann sich leider nur über den temporären Zielwert von 150 mg/dl vorbereiten und parallel dazu ein paar Kohlenhydrate essen. Wer zu früh vor dem Sport isst, läuft Gefahr, dass der Blutzucker schnell ansteigt und der Algorithmus eine Gegenregulation mit mehr Insulin lostritt. Daher kann ich nur raten: Vorsichtig austesten und eigene Erfahrungen sammeln!

Apropos Sport: Beim Schwimmen wäre ich persönlich vorsichtig …

Die Produktionsqualität der Medtronic MiniMed 670G

Wie auch schon die 640G neigt die 670G zu Gehäuserissen, insbesondere am Reservoir-Schaft. Bei mir hat es leider keine 4 Wochen gedauert, bis auch bei der 670G der erste Riss auftauchte. Das Problem ist bei Medtronic allerdings bekannt und Reklamationen laufen schnell und unkompliziert. Mein Rat aus Erfahrung: Wer die Pumpe gerne mit ins Wasser nimmt, sollte sie vorher gründlich auf Risse überprüfen. Für den Urlaub bietet es sich außerdem an, rechtzeitig eine Urlaubspumpe zu beantragen. Für Langzeitreisen wird dies in meiner Erfahrung leider abgelehnt, weshalb man stets einen Plan B haben sollte.

Medtronic Minimed 670G Riss Gehäuse

Dürfen natürlich nicht fehlen: Sticker für die Medtronic MiniMed 670G

Hihi, das muss natürlich sein! Wenn euch die 670G zu langweilig erscheint, dann dekoriert sie mit einem meiner Sticker! Noch dazu schützen die Aufkleber das Display, welches sonst schnell zerkratzt. Wer Lust drauf hat, klickt hier entlang!

Medtronic Minimed 670G Sticker

Zusammenfassung der Vor- und Nachteile

PRO

  • Die Medtronic MiniMed 670G ist meiner Einschätzung nach das derzeit modernste System, das auf dem deutschen Markt offiziell verfügbar ist.
  • Der Auto-Modus funktioniert in der Regel sehr gut und die Ergebnisse können sich sehen lassen.
  • Das System ist offiziell zugelassen und Medtronic leistet Garantie und Kundenservice. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber für mich als DIY-Looperin ein tolles, sicheres und bestätigendes Gefühl.
  • Pumpe und Sensor sind ein eingespieltes Team. Ich trage das gesamte System an meinem Körper, ohne zusätzliche Geräte mitführen zu müssen.
  • Ich habe den Kundenservice und auch die Produkttrainer*innen von Medtronic als extrem hilfreich und kompetent, sowie gut erreichbar erlebt. Daumen hoch!

CONTRA

  • Trotz der guten klinischen Ergebnisse leidet meine Lebensqualität (insbesondere mein Schlaf) enorm durch das System: 5 blutige Messungen am Tag, dazu geschätzte 10-15 Alarme und Meldungen – das ist für mich einfach zu viel.
  • Guardian-Sensor: Nicht jede*r kommt mit diesem Sensor gut zurecht und es gibt keine Kompatibilität mit anderen CGM Sensoren.
  • Fehlende Flexibilität bzw. fehlende Funktionen:
  • Kein eigener Zielwert festlegbar (Standard: 120 mg/dl, Temporär nur 150 mg/dl möglich). Das ist für viele Menschen zu hoch und zu unflexibel.
  • Korrekturen auf fixen Zielwert 150 mg/dl „sitzen“ oft nicht. Die Vorschläge für Bolus und Korrektur können jedoch nicht verändert werden.
  • Keine temporäre Basalrate: Diese fehlt mir sehr, führt zu viel Zeit über dem Zielbereich und erschwert mit den Sport.
  • Kein Dualer Bolus: Ein großer Rückschritt im Hinblick auf Pizza!
  • Keine Verbindung zur Smartphone oder Smartwatch. Der Glukosewert kann daher nur direkt über die Pumpe abgelesen werden. Außerdem muss man die Pumpe daher sehr oft in die Hand nehmen (je nach Tragestelle störend).
  • Das Gehäuse neigt zu Rissen – wodurch die Pumpe nicht mehr wasserdicht und ggf. überhaupt nicht mehr funktionsfähig ist.
  • Die Menüführung ist leider nicht sehr intuitiv. Funktionen, die regelmäßig genutzt werden (z.B. Status oder Reservoir) sind nur mit vielen Tastenklicks zu erreichen.

Das Fazit meiner Erfahrungen mit der Medtronic MiniMed 670G

Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Medtronic MiniMed 670G der Schritt in die Zukunft ist, den ich mir erhofft hatte. Es ist großartig, dass ein solches System nun endlich auf dem deutschen Markt verfügbar ist! YES! Der Auto-Modus funktioniert in der Regel gut und liefert tolle Ergebnisse, die nicht hinter den Erwartungen zurückbleiben. Bei mir waren es 77% im Zielbereich, was ein für mich absolut zufriedenstellendes Ergebnis ist.

Ich weiß inzwischen aber auch, dass mehr möglich ist: Mit dem DIY iOS Loop erreiche ich eine noch höhere Zeit im Zielbereich (insbesondere weil die Zeit über dem Zielbereich geringer ist). Und vor allem erreiche ich eine höhere Lebensqualität. Genau hier schwächelt die 670G: Die Alarme und Sicherheitsfeatures habe ich als sehr nervenaufreibend erlebt. Gleichzeitig wären die Lösungen für das Problem teilweise sehr einfach – mache Alarme und Funktionssperren empfinde ich als unnötig. Das System wirkt wie ein Rennwagen mit einem Tempolimit von 50 km/h: Es könnte genauer auf meinen Bedarf eingehen, wenn es dürfte. Die Technologie ist also da, doch man will sie noch nicht ganz von der Leine lassen.

Bei all der Kritik ist natürlich eines klar: Medtronic baut die vielen Sicherheitsmechanismen und Alarme nicht aus Spaß ein. Wir müssen uns bewusst machen, dass diese Systeme einfach ein neues Level sind. Es wird automatisch Insulin abgegeben. Wenn dabei etwas schief geht, kann es tödlich enden. Natürlich gehen Firmen dabei lieber auf Nummer sicher. Medtronic entscheidet hier außerdem oft nicht alleine, sondern ist von der Zustimmung und dem Wohlwollen von Gremien wie der FDA (Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der USA) abhängig. Letztlich werden so oft Kompromisse geschlossen, die selbstverständlich dem Wohl der Patient*innen dienen sollen, aber eben auch der Absicherung der Firmen. Am Ende kam mit der 670G dabei ein Produkt heraus, das wirklich gut ist, aber deutlich nutzer*innenfreundlicher hätte werden können.

Ich finde es wichtig, bei all dem Fokus auf Sicherheit und messbare Ergebnisse den Blick für das große Ganze nicht zu verlieren. Im Mittelpunkt sollte der Mensch stehen, dem das Leben mit Diabetes – im Alltag, bei der Arbeit, in schönen Stunden wie in Stresssituationen – leichter gemacht werden soll.

Meine Verbesserungsvorschläge

Doch die Basis dafür ist auf jeden Fall da. Ich bin sicher, dass die kommenden Pumpengenerationen noch besser und „tragbarer“ werden. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass zum einen der Guardian genauer und verlässlicher wird. Damit wäre die Vielzahl der Alarme schon einmal erledigt. Zum anderen wünsche ich mir aber auch Interoperabilität. Ich persönlich komme einfach besser mit dem Dexcom zurecht, eine andere Person vielleicht mit dem Eversense. Ich kann nur an Medtronic appellieren, dies möglich zu machen!

Darüber hinaus wünsche ich mir Verbesserungen am System selbst: Der für mich störendste Alarm ist Max. bzw. Min. Abgabe im Auto-Modus. Wenn dieser von 4 bzw. 2,5 Stunden wenigstens auf 6 oder 8 Stunden hochgeschraubt würde, könnte man mal eine Nacht durchschlafen. Und dann wünsche ich mir die klassischen Pumpenfunktionen zurück: Anpassbare Zielwerte, temporäre Basalraten und den guten alten Dualen Bolus, damit Pizza nur noch in 30% statt 90% der Fälle schief geht. Zu guter Letzt möchte ich die Pumpe eigentlich gar nicht mehr in die Hand nehmen – sondern einfach nur irgendwo am Körper tragen und verstauen, die Bedienung über mein Smartphone laufen lassen und den Glukosewert über die Smartwatch beobachten. Man wird ja wohl noch träumen dürfen! 🙂

Für wen ist die Medtronic MiniMed 670G geeignet?

Meine Erfahrungen mit diesem System sind sicherlich nicht auf jede*n übertragbar – so etwas ist sehr, sehr subjektiv. Absolute Perfektionist*innen, die sehr niedrige Ziele in Bezug auf Blutzucker und HbA1c haben, werden hier möglicherweise an ihre Grenzen kommen. Und wer partout nicht Blutzuckermessen und Kalibrieren möchte, bei dem*der wird das System ganz einfach nicht funktionieren. DIY-Looper*innen müssen sich darauf gefasst machen, dass das System nicht so flexibel ist, wie sie es gewohnt sind – vielleicht genießen sie aber auch das Gefühl der Sicherheit eines zugelassenen Systems. Ich gehe davon aus, dass diejenigen Menschen, die bereits die 640G nutzen und damit zufrieden sind, mit der 670G sehr gut zurecht kommen und sie extrem schätzen werden. Wer bisher die ICT (Pens) nutzt, für den*die ist die Umstellung auf ein so komplexes System vielleicht sehr umfangreich – aber ebenso umfangreich können die Vorteile sein!

So werden also alle ihre eigenen Erfahrungen mit diesem System machen. Ich für meinen Teil bin absolut dankbar, die 670G testen zu dürfen und werde mich weiter daran ausprobieren. Dieses System ist ein absoluter Meilenstein für die Diabetestherapie und macht Mut für die Zukunft!

Nun zu euch! Wer trägt die 670G schon und wie läuft es? Ich bin gespannt auf eure Erfahrungen! Sind Fragen offen geblieben? Ich freue mich auf eure Kommentare!

Weiterführende Links:
Die tollen Sticker für die Medtronic MiniMed 670G gibt es hier!

Medtronic Minimed 670G Sticker

Disclosure:
Vielen Dank an Medtronic, die mir das gesamte System kostenfrei bis zu einem Jahr zu Testzwecken zur Verfügung stellen und mich darüber hinaus zu einer Veranstaltung in Meerbusch eingeladen haben.

You Might Also Like

5 Comments

  • Reply
    Dieter Zinke
    14. Januar 2020 at 19:23

    Liebe Steffi,
    erst mal vielen Dank für den wirklich sehr interessanten und sehr ausführlichen Bericht über diese „Superpumpe „.
    Nach dem ich Deinen Bericht sogar zweimal durchgelesen habe,wurde mir sehr schnell klar.daß dieses Teil absolut nichts für mich ist.Seit vielen Jahren habe ich die Pumpen von Accu Chek,schon mehrfach die“ Spirit Combo“,welche außer einmalig durch einen Elektronikfehler ausfiel,aber innerhalb von 15 Stunden ich bereits eine neue persönlich überreicht bekam vom Service,keinerlei Probleme Die Pumpen laufen noch immer weit über die Garantiezeit von 4 Jahren problemlos weiter und bieten so viele Möglichkeiten der Bolusabgabe,also auch die Insulinabgabe über viele Stunden hinweg, auswählbar.
    Auch können verschiedene Basalraten,welche man zuvor einmalig einprogrammieren kann,ausgewählt werden.Ebenfalls ist eine prozentuale Abgabe der Basalrate temporär möglich,wie z.B.körperlicher stärkerer Aktivitäten.
    Sicher gibt es noch immer nicht die perfekte Pumpe,aber man sieht nun doch ernsthafte Entwicklung in Richtung künstlicher Bauchspeicheldrüse.
    Da ich nun ja seit einiger Zeit das Dexcom G6-System benutze,ist es mir auch so gelungen,meinen Zielbereich zu 90 % zu erreichen.Allerdings gebe ich gern zu,daß ich diesen Zielbereich auf 210 mg/dl ausgedehnt habe,da ich doch immer mal kurze Ausreißer in diese Richtung habe.Gab es allerdings auch,daß ich mich mal total verschätzt hatte und mal Werte,jenseits vun Gut und Böse hatte.Dies versuchte ich zu korrigieren,aber durch meine Ungeduld,da sich fast nichts tat,auch nach einer Stunde,legte ich noch mal nach und hatte daß Ergebnis,daß mich nachts das „Dexcom “ aus dem Schlaf riss mit Hypo-Warnung.Gott sei Dank.Dann Traubenzucker eingeworfen und weiter gepennt.Ruhe gehabt bis zum Aufstehen mit Werten um die 80 mg/dl..Auch mit der genannten Pumpe von Accu Chek und dem Dexcom,habe ich nun einen HBA1c-Wert von 6,7 und bisher,möge es so bleiben,weder mit den Nerven,b.z.w.mit den Augen,irgend welche Probleme.Und dies seit ca.15 Jahren Typ 1 !
    Möge es so bleiben !!!!!
    So lange es also noch immer nicht die „Künstliche Bauchspeicheldrüse “ gibt,werde ich wohl an meiner jetzigen Situation ,was Pumpe und Meß-System betrifft, wohl nichts ändern.
    Nochmals vielen Dank für Deinen tollen Bericht über die Minimed 670 G.
    Laß es Dir (Euch )gut gehen.
    Viele Grüße aus Duisburg
    Dieter

  • Reply
    Steffi
    15. Januar 2020 at 18:41

    Lieber Dieter,

    ganz lieben Dank für das tolle Feedback. Das freut mich sehr!

    Ich finde es immer wieder spannend, wie subjektiv das alles ist. Für manche Menschen ist es ja wirklich eine Superpumpe, die das Leben verändert und die man nicht mehr wieder hergeben will. Und wieder andere könnte man damit jagen! 😉

    Wie schön, dass du ein System gefunden hast, das für dich gut funktioniert. Möge es so bleiben!

    Ganz liebe Grüße und bis bald
    Steffi

  • Reply
    Fabrizio
    16. Januar 2020 at 18:13

    Liebe Steffi, ich habe deinen Report gelesen und äusserst interessant gefunden. Ich trage den gleichen Freund (670G) seit 6 Monaten und habe ähnliche Erfahrungen wie du gemacht. HbA1c ist von 7.2-7.4 auf 6.5-6.6 runter gekommen, bei guten Zeiten (bei mir vor allem im Sommer, Winter ist bei mir weniger gut) habe ich TIR von fast 90%. ABER: das Gleiche, was dich nervt, nervt mich auch! Die evigen Alarme, Kalibrierungen, Unsicherheiten des Sensors; und alles passiert immer, wenn es gerade ungünstig ist (am Steuer, bei einer Besprechung im Geschäft, in der Nacht,…). Bei Sensorwechsel brauche oft einen ganzen Tag (24h), bis die Werte mehr oder weniger stimmen, wobei ich das System oft austrixen muss, damit der Sensor vom System nicht verworfen wird: wenn der BZ-Unterschied zum gemessenen Wert mehr als 35% ist, dann muss ich diesen Schrittweise mit verschiedenen Kalibrierungen eingeben/erhöhen (geht ewig, nervt umso mehr).
    Wenn das System unnötige Kalibrierungen oder BZ-Werte verlangt oder wenn diese bei steigender oder fallender Kurve durchzuführen wären, dann gebe ich den gezeigten Wert ein (ohne BZ-Messung). Ich bestätige sozusagen die Messung des Sensors. Ggf kalibriere ich dann zu einem günstigeren Zeitpunkt. Dieses Prozedere erpart mir ein bisschen Ärger und funktioniert bei mir gut. Ich finde den Guardian bei flacher BZ-Kurve so genau wie der Dexcom G5 (bie mir plus/minus 11% Abweichung im Schnitt), ABER: der Dexcom hat eine bessere Voraussage und konnte bei mir bei beliebiger Kurve kalibriert werden (ich fand den G5 phantastisch!!). Den Guardian muss ich unbedingt bei flacher Kurve kalibrieren und funktioniert bei mir leider nur auf den Beinen, auf der externen Oberschenkelseite. Ich finde den Guardian wirklich 3 Schritte zurück, wenn man den Dexcom als Stand der Technik betrachtet. Hypos habe ich fast wie vorher, ein bisschen gemildert (ich spüre sie schon sehr rechtzeitig und kommen meistens nicht einmal in die Statistik); körperliche Aktivitäten muss ich nach wie vor voraus planen. Sehr hohe BZ-Werte habe ich praktisch nicht mehr. Die Nachtkurve ist perfekt. Das System funktioniert aber ein bisschen wie der Lineassist beim Auto: Innerhalb der Spuren ist alles Ok, ausserhalb muss der Fahrer selber lenken.
    Meine Schlussfolgerung ist die Gleiche wie bei dir: Medtronic hat einen guten Ansatzpunkt auf den Markt gebracht, die Mitbewerber angespornt, welche wieder Medtronic den Reiz geben werden, weiter und besser zu machen. Trotzdem nervt das System im Moment, obwohl es nicht nötig wäre, weil die Technik eigentlich schon soweit wäre, die meisten Probleme im Nu zu lösen. Ich habe mich entschieden, bei diesem System zu bleiben, weil ich aufgrund der vorliegenden Informationen meine, dass die Weiterentwicklung (780G zuerst, freie Wahl des Sensors darauffolgend) schon bald auf den Markt kommen wird oder sogar muss. Insgesamt habe ich mit dem 680G (vorher hatte ich Pens + Dexcom) an Freiheit verloren (dies macht mich u.U. verrückt!); die Vorteile sind widerum auch da und die gibt man dann ungern zurück. Könnte ich zurück, dann würde ich vielleich noch ein wenig abwarten und erst mit dem 780G oder noch später in den Medtronic-Zug einsteigen.
    Ansonsten mache ich dich auf folgenden Link aufmerksam : https://integrateddiabetes.com/670g-and-me-insights-and-incites-on-medtronics-latest-system/
    Dort findest du widerum eine faire Rezension, welche ich sehr gut finde.

    Ich wünsche dir alles Gute!

    Ciao

    Fabrizio

  • Reply
    Steffi
    19. Januar 2020 at 21:30

    Lieber Fabrizio,

    danke für dein ausführliches Feedback. In deinen Schilderungen finde ich mich auf jeden Fall wieder. Ich habe das mit den Kalibrierungen übrigens genau so gehandhabt wie du. Wenn ich den aktuellen Wert eingebe, mach ich es zumindest nicht schlimmer – im Vergleich zu einer Kalibrierung bei rasanten Kurven. Das Beispiel mit dem Line Assist passt übrigens zu 100%!!!

    Ganz liebe Grüße
    Steffi

  • Reply
    Katrin Schreiber
    27. Januar 2020 at 21:53

    Wahnsinnig toller, hilfreicher Bericht…hatte letzte Woche Medtronic Schulung und Morgen wird die Pumpe „erstinstalliert“ 😅 bei all den Features, die im Auto mode nicht funktionieren bin ich am überlegen ob ich nicht manuell bleibe bis in alle Ewigkeit…laut Ärztin sowieso erst möglich wenn genug stabile daten da sind. Bin gespannt wann das sein soll…?? Wie lange dauerte das bei dir?? Auch dankbar wäre ich für tips was eine temporäre basalrate bei alkohol angeht. Semesterabschluss steht an und ich die erste woche mit der 670er unterwegs🙈….aber hauptsache schon be“stickert“lg und danke nochmal für die super benutzerfreundliche Einschulung hier!

  • Leave a Reply