Diabetes und Reisen

Ketonchaos im Paradies

Eigentlich kann ich mich nun wirklich nicht beschweren: Nachdem ich zum Jahresende meinen Job an den Nagel gehängt habe, genieße ich das Leben unter Palmen in der Dominikanischen Republik. Wir sind jeden Tag am Strand, werden von bezaubernd freundlichen Menschen angelacht und mit tollstem Essen versorgt. Perfekt! Doch manchmal läuft eben auch im Paradies alles scheiße.

Der ganze Mist beginnt mit einem Strandspaziergang, wie wir ihn hier jeden Tag machen. Unsere Unterkunft befindet sich am Rand eines kleinen Surfer-Städtchens. Der Weg ins Zentrum führt entweder an der Hauptstraße oder am Strand entlang. Die Entscheidung ist wohl klar. Also laufen wir jeden Tag mit dem Sand zwischen den Zehen in Richtung Supermarkt, Café, etc. pp. Vor ein paar Tagen habe ich noch scherzhaft auf Instagram gepostet, dass wir dabei nicht immer ganz trocken bleiben. Das Wetter ist hier sehr wechselhaft: Manche Tage sind einfach nur Karibik aus dem Bilderbuch, an manchen stürmt es und der Regen scheint aus Kübeln zu kommen. Auf dem Weg ins Zentrum gibt es am Strand eine sehr enge Stelle – man hat recht wenig Platz zwischen Wasser und angrenzenden Felsen. Meistens kann man hier gemütlich entlang laufen. Manchmal aber ist der Strand so schmal, dass wir dort nicht trockenen Fußes entlang kommen. Wie nass man wird, weiß man erst mittendrin – denn die Stelle ist schwer einzusehen.

Bei schönem Wetter sieht die Ecke ganz zahm aus, oder?

Long Story short: Am Wochenende war das Meer an dieser Stelle völlig außer Rand und Band und mich hat’s erwischt! Zunächst liefen wir flott den Weg entlang als uns eine Welle plötzlich von Kopf bis Fuß nass machte. Mein Freund, mit sämtlicher Technik im Rucksack, schaltete blitzschnell und lief schnell weiter, um alles in Sicherheit zu bringen. Ich wollte direkt hinterher, trat aber auf einen Stein und zögerte: Jetzt bloß nicht panisch werden und die Füße verletzen! Durchatmen!

Doch auf einmal kamen nur noch hohe Wellen. Von sichtbarem, begehbarem Sand keine Spur mehr. Die Wellen reichten bis zur Unterhose. Unterhose? Darin ist doch die Insulinpumpe! Und zwar der uralte DIY-Loop-Schatz, der schon ewig aus der Garantie raus ist und garantiert nicht wasserdicht ist! Ich kramte also fix die Pumpe raus und hielt sie hoch in die Luft, während ich versuchte, meinen Weg durch die Fluten zu gehen. Plötzlich kam die höchste Welle von allen – und riss mich von den Füßen.

Stellt euch an dieser Stelle in etwa die Freiheitsstatue mit ihrem ausgestreckten Arm vor. Nur statt der Fackel hielt ich die alte Veo aus dem Wasser, während die Wellen mich über die Felsen spülten. Das nenne ich Commitment zur DIY-Loop-Therapie! Wie das immer so ist: Für mich fühlte es sich wie eine Ewigkeit an. Tatsächlich waren es natürlich nur wenige Sekunden, bis mein Freund mir wieder auf die Beine half und wir uns ins Trockene retteten.

Als wir die Strandenge von der anderen Seite aus betrachteten, konnten wir unseren Augen nicht trauen. Da war kein Gehweg mehr über den Strand, da waren nur noch tobende Wellen. Ein Passant, der uns mit einem Handtuch versorgte, schaute uns an, als wären wir verrückt. Als hätten wir gedacht, wir könnten übers Wasser laufen. Tja, einen Monat lang war dies unser täglicher Weg. An diesem Tag war es simpel gesagt lebensmüde, hier entlang zu laufen. Das hätte richtig übel enden können!

Statt dessen sind wir noch einmal halbwegs glimpflich davon gekommen. Die Bilanz: Schürfwunden an Füßen, Beinen und Rücken. Ein von den Felsen völlig zerrissenes Kleid. Ein kaputtes Handy (Haha, schön, dass ich die Loop-Pumpe retten konnte – für den DIY-Loop brauche ich aber auch ein Handy!) und ein kaputter Laptop, der selbst im Rucksack zu viel Wasser abbekommen hat.

Meine Wunden sind glücklicherweise recht oberflächlich, wenn auch schmerzhaft. Mein Freund kümmert sich blendend um mich, desinfiziert und cremt vorbildlich. Doch es wäre doch gelacht, wenn sich der werte Herr Diabetes hier nicht noch einmischen würde! Da das Handy und damit auch der DIY-Loop im Eimer war, stieg ich direkt wieder auf die Medtronic MiniMed 670g um. Gut, dass ich auf Reisen immer einen Plan B parat habe und mich von solchen Problemen nicht aus der Ruhe bringen lasse. Guardian-Sensor und frischer Katheter waren schnell gesetzt und ich war bereit. Doch parallel konnte ich meinem Blutzucker beim Raketenstart zuschauen: Das gute alte Adrenalin machte sein Ding. Nun gut, dass lässt sich ja korrigieren. Oder etwa nicht? Nö!

Den ganzen Tag über wollte mein Blutzucker nicht mehr in den Normalbereich zurückkehren. Der Grund: Der Katheter, den ich frisch gesetzt hatte, war mit Blut verstopft. Das passiert mir ungefähr einmal im Jahr – war ja klar, dass dies der Tag sein sollte. Mittlerweile waren dann aber auch schon Ketone im Spiel, und zwar ordentlich! Erst am Abend schaffte ich es, endlich wieder auf einen Wert zu kommen, mit dem ich guten Gewissens schlafen gehen konnte. Nur noch schnell kalibrieren und dann ab ins Bett …. Moment mal! Wie bitte???

An diesem Moment fiel ich echt vom Glauben ab. Eine so große Abweichung (mehr als 350 mg/dl) habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt – auch nicht beim Guardian 3! Gut, der Sensor hatte keinen einfachen Start. Während der Initialisierungsphase stieg mein Blutzucker von 100 auf 400 mg/dl an. Mit 400 mg/dl wurde er kalibriert. Danach zeigte er mir eine gleichmäßige Kurve nach unten in den Zielbereich an – aber tatsächlich war der Blutzucker noch höher angestiegen?

Ich verbrachte die Nacht also mit vielen Blutzucker- und Keton-Messungen. Der Sensor stieg recht schnell komplett aus und wollte ersetzt werden. Noch den ganzen folgenden Tag über waren die hohen Werte und Ketone hartnäckig. Erst seit gestern habe ich alles wieder einigermaßen im Griff. Und zwar mit einer temporären Basalrate von 130%. Ähnlich wie eine fiese Erkältung oder auch Sonnenbrand scheinen auch größenflächige Wunden den Blutzucker zu beeinflussen, sodass der Insulinbedarf erhöht ist. Obwohl es nur nach ein paar Kratzern aussieht, hat mein Körper dennoch ordentlich zu kämpfen. An den Automodus der 670g ist also im Moment nicht zu denken, schließlich lässt dieser keine temporäre Basalrate zu. Aber im manuellen Modus komme ich grad einigermaßen gut zurecht und die Werte stimmen seit der ursprünglichen Katastrophen-Abweichung auch halbwegs. Immerhin!

Seit dem schaue ich mir das Wasser nur noch mit ordentlichem Sicherheitsabstand an und versuche unsere letzten Stunden mit Sonne, Strand und Kokosnüssen noch zu genießen. Denn morgen schon geht es weiter – und zwar an einen deutlich kälteren Ort!

Auch wenn die Stimmung unter dieser Episode doch etwas leiden musste, hatten wir hier eine fantastische Zeit. Davon werde ich bei Gelegenheit noch mehr berichten – doch bis dahin trinke ich erst einmal noch eine Kokosnuss und freue mich, dass nichts Schlimmeres passiert und mein Blutzucker wieder unter Kontrolle ist! 🙂

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1 Comment

  • Reply
    The Big Trip #1 Dominikanische Republik - PEP ME UP Diabetes Blog
    2. März 2020 at 12:19

    […] ganz blöden Zwischenfall mit einer Welle, die mich seelisch und körperlich etwas ausgebremst hat. Die Episode habe ich hier ausführlicher beschrieben. Da meine Schürfwunden vor allem meine Füße, Knie und Rücken betrafen, war an Yoga erst einmal […]

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